Schiaparelli Frühjahr/Sommer 2026 Haute Couture

Schiaparelli Haute Couture Frühjahr/Sommer 2026 „Die Qual und die Ekstase“. Text von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY MAGAZIN. Foto mit freundlicher Genehmigung von Schiaparelli / Pechuga Vintage.

Gestern wurde die Pariser Haute Couture Woche mit zwei großen Events eröffnet: Dior und Schiaparelli. Die Stars waren da – zumindest laut Pressemitteilungen. Doch die Straßen erzählten eine andere Geschichte. Einst voller Fans, mit jubelnden Bewunderern und hochgehaltenen Smartphones hinter den Absperrungen, herrschte nun eine seltsame Stille. Ein paar Fotografen, vielleicht ein paar Dutzend. Eine Handvoll Fans. Die meisten gelangweilt.

Selbst die Ankunft der A-Prominenz schien in ein beunruhigendes Schweigen zu verfallen. Jeff Bezos und seine Frau trafen ein, direkt nach der Vorführung des 40 Millionen Dollar teuren Dokumentarfilms „Melania“ in Washington, den er stolz produziert hatte. Politik ist offenbar zu heikel – aber Haute Couture? Immer noch ein legitimes Thema. Der diesjährige Gastgeber der Met Gala kam nach Paris, vielleicht für Anproben, vielleicht um den Schaden zu begrenzen. Wie dem auch sei, das Spektakel war da. Das Publikum? Eher nicht.

Und dann kam Schiaparelli.

Daniel Roseberry gab seiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026 den Titel „Die Qual und die Ekstase.“ Es war wahrlich eine Qual. Was sich entfaltete, wirkte weniger wie eine Feier von Elsas Vermächtnis, sondern eher wie ein Fiebertraum in einem Tierpräparatmuseum. Vogelköpfe als Absätze, Jacken mit Krallen, gehörnte Torsi, Silhouetten, durchzogen von skelettartigen Auswüchsen.

Das war keine Haute Couture, die mit dem Surrealismus flirtete. Das war regelrechter Mode-Exorzismus.

Schiaparelli Haute Couture Frühjahr/Sommer 2026 von Pechuga Vintage 11

Video: Pechuga Vintage

Ja, Elsa Schiaparelli war fasziniert von Meeres- und Himmelswesen. Ja, Picasso schenkte ihr 1937 das Gemälde „Vögel im Käfig“. Und ja, sie liebte eine gute Provokation. Doch der Grat zwischen Hommage und Schrecken ist schmal. Roseberrys Sammlung stürzte sich kopfüber ins Letztere.

Die Pressemitteilung entwirft eine poetische Geschichte: ein kreatives Erwachen in der Sixtinischen Kapelle, göttliche Qual trifft auf göttliche Schönheit, skulpturale Silhouetten, geboren aus Instinkt. Was wir stattdessen bekamen, waren Paradiesvögel, kombiniert mit mittelalterlichen Waffen. Ein Bild nach dem anderen vermittelte dieselbe Botschaft: Fühle etwas – irgendetwas. Die meisten taten es. Meistens herrschte Verwirrung.

Nehmen wir zum Beispiel diesen Look:

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Video: Pechuga Vintage

Eine gefiederte Gestalt mit messerscharfen Flügeln und einer Kristallkäfigkrone. Atemberaubende Handwerkskunst, ja. Aber auch irgendwie bedrohlich. Ein Engel der Haute Couture? Oder ein gefallener Engel? Die Ambivalenz wirkte weniger künstlerisch, eher chaotisch.

Dann gab es die Skorpionschwänze, die Schulterhörner, die wie waffenartige Knochen hervorstanden, die Mieder, die mit parasitenartigen Blumen übersät waren. „Infantas terribles“, nannte Roseberry sie – halb Vogel, halb Tier, halb Fiebertraum.

Schiaparelli Haute Couture Frühjahr/Sommer 2026 von Pechuga Vintage 06

Video: Pechuga Vintage

Man kann das Können des Ateliers bewundern, ohne die Ästhetik gutzuheißen. Die handgeschnittene Spitze, der neonfarbene Tüll mit Sfumato-Effekt, die in Harz getauchten Seidenfedern – all das sind technische Meisterleistungen. Doch auf Silhouetten, die an Albträume erinnern, geht die Kunstfertigkeit im Getöse unter.

Schauen Sie sich zum Beispiel dieses monströse Rückenteil eines Kleides an:

Schiaparelli Frühjahr/Sommer 2026 Haute Couture Runway Magazin (10)

Video: Pechuga Vintage

Was sollen wir empfinden? Ehrfurcht? Furcht? Mitleid mit dem Modell, das diese skulpturale Last trägt?

Ein anderer Look – ein mit Strass besetzter Blazer mit Hörnern in Form einer Brustplatte – erinnert weniger an Elsas Sinn für Verspieltheit und mehr an eine Nebenfigur aus Game of Thrones mitten in ihrer Verwandlung.

Schiaparelli Frühjahr/Sommer 2026 Haute Couture Runway Magazin (17)

Video: Pechuga Vintage

Und doch, in manchen Augenblicken blitzt der alte Schiaparelli-Zauber auf. Dieser moosgrüne Ballerina-Look, der sich wie ein Pfau in voller Pracht aufbläht, flüstert in Wahrheit Eleganz:

Schiaparelli Frühjahr/Sommer 2026 Haute Couture Runway Magazin (28)

Video: Pechuga Vintage

Die Silhouette ist übertrieben, die Textur üppig, der Ton barock – und doch spricht sie die Sprache der Haute Couture. Sie fasziniert, ohne aufdringlich zu wirken.

Doch solche Momente waren selten.

Video: Pechuga Vintage

Daniel Roseberry schreibt von der „Entfesselung der Fantasie“. Stimmt. Doch entfesselte Fantasie ohne redaktionelle Einschränkungen kann grotesk werden. Es gibt einen Unterschied zwischen Provokation und Tragbarkeit, zwischen Mythos und Wahnsinn. Haute Couture war schon immer das Reich der Fantasie – aber sie kokettierte auch schon immer mit dem Begehren. Das hier? Das war eine Rüstung für einen postapokalyptischen Vogelgott.

Wir verstehen den Drang, zu provozieren. Zu schockieren. Elsas rebellischen Geist wiederzuerwecken. Doch irgendwo zwischen der Sixtinischen Kapelle und den Harz-Vogelschnäbeln ist die Handlung völlig aus dem Ruder gelaufen.

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Gepostet aus Paris, 7. Arrondissement, Frankreich.