Valentino Frühjahr Sommer 2026 „Glühwürmchen“. Geschichte von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY ZEITSCHRIFT. Foto mit freundlicher Genehmigung: Valentino.
Die Shownotizen lesen sich wie eine kleine Abhandlung über italienische Nachkriegsphilosophie – Pasolini, Faschismus, Glühwürmchen, Georges Didi-Huberman und eine langatmige Meditation über die Gefahren kultureller Standardisierung. Alles war da: Düsterkeit, Sehnsucht und ein verzweifelter Appell, „den Blick wiederzuerwecken“. Ästhetischer Idealismus, getränkt in pseudopolitischer Poesie.
Doch hinter all den Metaphern im Kerzenlicht flackerte etwas anderes auf – Klarheit.
Die Frühjahr-Sommer-Kollektion 2026 markierte für Alessandro Michele einen Wendepunkt. Zum ersten Mal seit seinem Einzug in das Haus blickte er nicht auf seine eigenen kunstvollen Obsessionen, sondern in das Valentino-Archiv. Das Ergebnis war deutlich zurückhaltender, disziplinierter und – wagen wir es zu sagen – Valentino.
Vorbei waren die Kostümschichten und der kryptische Maximalismus. Stattdessen offenbarten die Silhouetten eine architektonische Eleganz, eine Reminiszenz an die eleganten Couture-Codes, die Valentino Garavani selbst geprägt hatte. Die Weichheit kehrte zurück – nicht als Zerbrechlichkeit, sondern als kontrollierte Spannung.
Die Blicke
Die schwarz-weißen Mini-Handtaschen waren im wahrsten Sinne des Wortes ein Chanel-Klassiker mit einem Valentino-Logo oben drauf. Micheles Obsession mit Chanel – die sich schon in früheren Kollektionen zeigte – schlug schließlich in Aneignung um. Einige Looks waren kompetent, sogar hübsch, aber geliehen. Und Valentino war nie ein Leihgeber.
Einer der herausragendsten Momente kam gleich zu Beginn: ein staubrosa, drapiertes Kleid mit einem scharfen vertikalen Schlitz auf der Brust, an der Hüfte mit einer skulpturalen schwarzen Schleife geschnürt, aus der ein goldenes Seidenpaneel in Senfgelb hervorstach. Eine seltsame Komposition auf dem Papier – aber auf dem runway, es funktionierte. Die Eigenartigkeit der Farbpalette wurde durch die fließenden Drapierungen gemildert. Es hatte den theatralischen Instinkt von Michele, aber die Linie und Disziplin von Garavani. Eine Versöhnung.
Es folgte ein blutrotes Satinkleid, präzise verarbeitet und unaufdringlich verführerisch. Die Schulterlinie, die Ärmel, die sorgfältige Raffung – alles typisch Valentino. Es sprach mühelos Eleganz und erinnerte an eine Ära, in der Glamour selbstverständlich und nicht vorgetäuscht war.
Einer der skulpturaleren Auftritte erfolgte in Form eines schwarzen, maßgeschneiderten Hosenanzugs, nur unterbrochen von einer Kaskade sonnengelber Falten, die sich über den Oberkörper zogen. Er wirkte scharf, fast abrupt – eine Couture-Variante des Utility-Looks. Ergänzt wurde der Look durch eine fächerförmige Clutch und Armreifen mit Nieten, leicht surreal, als hätte Elsa Schiaparelli hinter der Bühne geflüstert. Es war nicht romantisch, aber anschaulich – eine Erinnerung daran, dass Michele immer noch mit Spannung spielt, anstatt sich ihr zu ergeben.



Ein weiterer Tageslook kontrastierte pure Romantik mit einem sterilen Reißverschluss: eine rosafarbene Bluse mit Tupfenmuster, bauschigen Ärmeln, übergroßen weißen Manschetten und einer schwarzen Schleife am Kragen – eine von vielen Schleifen, die die runway Diese Saison wirkte die Kollektion wie eine Parade von Signaturen. Valentinos Schleifen sind nicht mehr süß; unter Michele wirken sie bewusst, konfrontativ, ja sogar architektonisch. Diese hier war an einem zitronengelben Bleistiftrock befestigt – mit Reißverschluss bis zur Taille und Schlitz in der Mitte. Ein Widerspruch, der als Statement verkleidet war.
Es folgte ein korallenrosa Minikleid – von vorne bis hinten gerafft, mit kleinen Raffungen versehen und ebenfalls mit einer steifen Schleife am Hals gebunden, die eher wie ein Emblem als wie eine Verzierung wirkte. Die Silhouette war von Valentino-Cocktailkleidern der 1960er Jahre inspiriert, doch Michele fügte der Konstruktion genügend Unterbrechungen hinzu, um Nostalgie zu vermeiden. Es ist Retrofuturismus, nicht Vintage.
Die Schleifen kehrten zurück – diesmal mittig auf einem skulpturalen elfenbeinfarbenen Minikleid, getragen mit geblümten Strumpfhosen und roten Samt-Pumps. Dieser Look hatte etwas bewusst Filmisches – eine Mischung aus französischer Nouvelle Vague und „Ein Herz und eine Krone“. Die Proportionen waren sorgfältig gewählt, die Haltung eher selbstbewusst als kokett.
Die Abendgarderobe war ein echter Knaller in leuchtendem Blau. Ein langärmeliges Satinkleid schmiegte sich an den Körper des Models und endete in einer weichen Drapierung und einem strukturierten hohen Kragen, flankiert von weißen Lederblütenblättern – irgendwo zwischen Orchidee und Waffe. Das war Micheles Vorstellung von Sanftheit: gefährlich, konstruiert und völlig gegen Fantasie.
Schließlich hielt ein schwarz-weißes Kleid Einzug – tiefer V-Ausschnitt, transparente Chiffon-Einsätze, architektonischer Kontrast. Dies war die Wiederherstellung des Hauscodes. Nichts Überflüssiges. Nur Spannung, Silhouette und Kontrolle. Der Geist von Garavani – oder zumindest seines Schneiders – schwebte hier.
Betrachtung
Diese Kollektion bestätigte: Wenn Michele sich von der Kostümkiste löst und sich mit seinem Erbe auseinandersetzt, kann er etwas Überzeugendes schaffen. Seine Erzählstimme ist immer noch laut – vielleicht zu laut –, aber seine Schneiderkunst lernt wieder zu flüstern. Das Ergebnis ist noch keine Renaissance, sondern eine Neuorientierung.
Valentino Frühjahr/Sommer 2026 ist weder revolutionär noch poetisch, wie es die Shownotes gerne behaupten würden. Aber es ist zurückhaltend, elegant und – in bestimmten Momenten – des Hauses würdig, das es jetzt trägt.
Die Glühwürmchen sind nicht verschwunden, wie Michele befürchtet. Sie haben lediglich gelernt, in Formation zu fliegen.
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