Dior Herbst/Winter 2025-26 Kampagne „Zeitreise in Samt und Vision“. Geschichte von RUNWAY ZEITSCHRIFT. Foto mit freundlicher Genehmigung: Dior.
In seiner Herbst-Winter-Kampagne 2025/2026 präsentiert Dior mehr als nur eine Kollektion – es inszeniert ein zeitloses Ballett. Es ist nicht nur Mode; es ist ein vielschichtiger Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Neuerfindung, Realität und Illusion. Unter dem poetischen Blick des Künstlerfotografen Tim Walker gestaltet das Haus Dior sein Erbe mit einer Erzählung voller Metamorphose neu.
Die Kulisse ist Hatfield House, ein historisches englisches Anwesen, das von literarischen Geistern und aristokratischer Pracht zeugt. Und im Mittelpunkt dieser traumhaften Inszenierung? Orlando– Virginia Woolfs geschlechtsverändernde, zeitreisende Protagonistin. Ein passender spiritueller Begleiter für eine Kollektion, die Grenzen hinterfragt und auflöst: zwischen Frau und Mann, Alt und Neu, Kleidung und Persönlichkeit.
Diese Kampagne ist eine visuelle Allegorie. Models gehen durch Portale – im wörtlichen und übertragenen Sinn – und spiegeln Woolfs Konzept von fließender und sich ständig weiterentwickelnder Identität wider. Kleidung kleidet den Körper nicht ein; sie transformiert ihn. Krinolinen werden für moderne Mobilität geschoren. Korsetts werden geöffnet, angepasst, entlastet. Reißverschlüsse formen Silhouetten neu, ohne sie einzuengen. Jacken – vielleicht das demokratischste aller Kleidungsstücke – erscheinen in vielfältigen Varianten: in Samt gehüllt, strukturiert in technischem Gewebe und ja, sogar in Denim.
Das Ergebnis ist keine Nostalgie, sondern ein Echo. Dior schöpft aus seinem eigenen Archiv – nicht als Tresor, sondern als Quelle. Gianfranco Ferrés architektonische weiße Hemden kehren mit trotzigen Rüschen zurück. John Gallianos ikonisches Ich liebe Dior T-Shirts erscheinen in neuem Glanz, jetzt mit Juwelen und im Barockstil. Der Dior von gestern wird nicht wiederbelebt – er wird neu belebt.
Und dieses Revival macht nicht bei der Kleidung halt. Auch die Schuhe orientieren sich am Männerclub – Dior Dandy Derbys, Novel Loafer und Century Boots prägen die Kampagne mit geschliffener Respektlosigkeit. Handtaschen, geschwungen und griffig, flirten mit Skulpturen. Die D-Journey in Scharlachrot. Die D-Céleste mit Fransen wie Kometenschweife. Selbst die überaus eleganten Baskenmützen scheinen Geheimnisse aus einem anderen Jahrhundert zu flüstern.
Die Kampagne baut auf Kontrasten: Sanftheit und Schärfe, das Nützliche und das Poetische, Literatur und Mode. Vor allem aber ist sie die Bestätigung, dass Kleidung ein Träger der Identität im Wandel sein kann. Als ob Woolfs Orlando aus dem Buch in Samtstiefel schlüpfen würde.
Mit jedem Bild präsentiert Dior eine stille These: dass Mode, wie Erzählung, die Macht hat, Grenzen zu überschreiten, zu transzendieren und transformierenUnd dabei lässt es uns – irgendwo zwischen dem Spiegel und dem Traum – mit der eleganten Dissonanz dessen zurück, wer wir waren und wer wir zu werden wagen.
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