Hermès Herbst 2026 „Eine Zwischenwelt“ von Nadège Vanhee. Text von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY MAGAZIN. Foto/Video mit freundlicher Genehmigung von Hermes.
Dämmerung als Architektur. Straußenleder als Code.
Nadège Vanhées Hermès-Frau betritt die Saison von der Schwelle aus – der Dämmerungszone zwischen Tag und Nacht, wo sich die Wahrnehmung schärft, die Silhouetten sich verdichten und jede Geste bewusst wird. Eine Zwischenwelt Es ist kein Thema, sondern ein Seinszustand. Vanhee fängt den präzisen Augenblick ein, in dem Klarheit auf Mehrdeutigkeit trifft, und sie drückt diesen schwebenden Moment in der sinnlichsten aller Sprachen aus: Straußenleder.
Diese Kollektion ist Modernismus in seiner reinsten Form: aerodynamisch, präzise, romantisch nur in dem Sinne, wie eine Klinge im Sonnenuntergang glänzt.
Das Material: Straußenleder als Identität
Die langjährige Expertise des Hauses in der Lederverarbeitung wird hier zu einer eigenen Disziplin erhoben. Straußenleder erscheint nicht als Ornament, sondern als tragendes Element – verarbeitet zu hautengen Overalls, langen Kleidern und äußeren Hüllen, die sich eher wie Muskeln als wie Kleidung anfühlen.
In den Händen von Vanhée wird Straußenleder zu einer Form stiller Macht.
- Ein cognacfarbener Overall schmiegt sich mit aerodynamischer Präzision an den Oberkörper an.
- Ein senffarbenes Lederkleid, geschnitten mit der Präzision einer Reitrüstung, offenbart seine Weichheit erst in der Bewegung.
- Hohe Stiefel, die nahtlos in Hosen integriert oder über Strickleggings getragen werden, verlängern die Silhouette zu einer durchgehenden Linie.
Das ist die Hermès-Philosophie: Handwerkskunst, die über Luxus hinaus zur Funktion – zum Zweck – erhoben wird.



Dämmerung als Palette
Vanhées Farbbogen folgt dem Untergang der Sonne:
- Sonnenuntergangshitze — Ocker, Branntwein, gebrannte Umbra.
- Horizont grüner Blitz — ein kurzer, elektrisierender Impuls.
- Einbrechende Dämmerung — Marineblau, Graphit, Anthrazitschwarz.
Farbe wird als zeitlicher Verlauf betrachtet. Die Kollektion bezieht sich nicht auf die Dämmerung – sie durchdringt sie.
Die Silhouette: Bewegung als Kontrolle
Hermès hat schon immer Präzision dem Spektakel vorgezogen, und Vanhée setzt diese Tradition mit Silhouetten fort, die schmal, aerodynamisch und auf Handlungsfreiheit ausgelegt sind.
Reißverschlüsse, Taschen und vorgeformte Nähte deuten auf eine Frau hin, die nicht nur schmückendes Beiwerk ist, sondern auch tatkräftig. Diese Kleidung ist dazu bestimmt, Grenzen zu überschreiten – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.
Die Linie ist klar, vertikal und entschlossen – das genaue Gegenteil von verschwommen.
Selbst die Strickwaren wirken wie eine Art Infrastruktur: Hochgeschlossene Lagenlooks, formgebende Unterkleider und gerippte Bodysuits rahmen das Leder ein, ohne seine Autorität zu mindern.
Romantik trifft auf Nützlichkeit
Hermès gibt sich selten offener Romantik hin. Hier lässt Vanhee sie durchscheinen – nicht als Sanftmut, sondern als Absicht.
Eine Romanze der Präzision.
Eine Romanze der Kontur.
Der Nutzen wird niemals aufgegeben. Stattdessen wird er zum Gefäß für Sinnlichkeit.
Eine kurze Jacke aus Straußenleder, kombiniert mit einem cremefarbenen Strickunterhemd, wirkt wie ein Dialog zwischen Zärtlichkeit und Disziplin.
Ein Wollmantel mit Ledereinsätzen verwandelt pragmatische Lagenlooks in architektonische Studie.
Das ist Romantik ohne Oberflächlichkeit – geschaffen für Frauen, die ihre eigenen Bedingungen definieren.
Cassandres Himmel: Der Einzeldruck der Kollektion
Der einzige Druck der Kollektion, eine Adaption von A. M. Cassandres Art-Deco-Perspektivstudien, ist als Steppstoff auf einem Hemdblusenkleid mit Reißverschluss zu sehen. Er zeigt einen abstrakten Turm, der sich unter einem wolkenverhangenen Himmel erhebt – ein Blick in die Zukunft durch eine geordnete geometrische Welt.
Im Zentrum einer von Leder dominierten Kollektion positioniert, wird der Druck zur visuellen These: Perspektive, Aufstieg, Möglichkeit.
Hermès deutet selten auf Futurismus hin, doch Vanhee wählt diesen Moment – kurz vor dem Debüt der Haute Couture des Hauses – um das Fenster zu öffnen.
Agentur als Silhouette
Die der Sammlung zugrunde liegende Frage ist die Handlungsfähigkeit von Frauen.
Wie bewegt sich eine Frau, wenn ihr nichts den Weg versperrt?
Wie drückt ihre Kleidung ihre Autonomie aus?
Vanhees Antwort ist klar: schmale Linien, strategische Öffnungen, modulare Schichten, kompromissloses Leder.
Jedes einzelne Stück strahlt einen Instinkt für Vorwärtsbewegung aus. Die Kleidungsstücke sind nicht statisch; sie antizipieren. Sie bereiten vor. Sie begleiten.
In einer Saison, die vom Spektakel besessen ist, bietet Hermès Klarheit.
Die Schwelle wird zum Territorium
Eine Zwischenwelt Hier zeigt sich Hermès von seiner präzisesten Seite – die Dämmerung nicht als Romantik, sondern als Kalibrierung.
Vanhee destilliert das Leben auf sein Wesen: Bewegung, Intelligenz, Schutz, Sinnlichkeit, Absicht.
Straußenleder wird zu Architektur.
Farbe wird zu Zeit.
Die Silhouette wird zur Handlungsfähigkeit.
Hermès schreitet mit stiller Zuversicht in die kommende Ära der Haute Couture und entwirft eine Zukunft, in der Handwerkskunst nicht nostalgisch, sondern richtungsweisend ist. In Vanhees Spätwerk werden die Formen geschärft, die Wahrnehmung geschärft – und die Frau im Mittelpunkt erstrahlt in ihrer eigenen Klarheit.
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