Louis Vuitton Herren Frühjahr/Sommer 2027 „Die 12-Minuten-Fata Morgana: Pharrells Hype um High Tide und die Winterisierung des Sommers“. Artikel von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY ZEITSCHRIFT. Foto mit freundlicher Genehmigung: Louis Vuitton.
Paris schmilzt derzeit unter einer unerbittlichen, erdrückenden Sommerhitze. Die einzig logische Reaktion der Herrenabteilung von Louis Vuitton: ein monumentaler, künstlicher Wasserfall, tonnenweise Sand in einem Hohlraum und Models, die in dicken Winterjacken, geschorenen Pelzkragen und massiven Stiefeln herumstolzieren. Willkommen zur „Dandy Experience“ Frühjahr/Sommer 2027 – ein Titel, der offenbar schweißtreibenden Luxus und übertriebene Nostalgie verspricht.
Ein überhydriertes Echo des Kaisers
Kommen wir nun zum Elefanten im Raum, oder besser gesagt, zur gigantischen Flutwelle. Die hypersensorische Inszenierung basierte auf einer riesigen Wasserinstallation, die die zermalmende Kraft des Ozeans simulieren sollte – und das alles für flüchtige zwölf Minuten. runway Ruhm. Der ImmediaDas Gefühl von Déjà-vu war für jeden mit einem rudimentären Gedächtnis für die Geschichte der modernen Mode spürbar. Die gesamte Inszenierung war ein kaum verhülltes, überproduziertes Echo von Karl Lagerfelds legendärer Strandkollektion Frühjahr/Sommer 2019 für Chanel. Sechs Monate vor seinem Tod hatte Karl die wahre Ruhe des Meeres in den Grand Palais gebracht und Models barfuß durch echtes Wasser schreiten lassen. Pharrell, ganz der Maximalist, entschied sich, die Lautstärke aufzudrehen und jeglichen gesunden Menschenverstand außer Acht zu lassen. Statt poetischer Schlichtheit bekamen wir das ohrenbetäubende Getöse einer künstlichen Sintflut zu spüren – denn nichts schreit so sehr nach „Verbundenheit mit der Natur“ wie eine riesige, temporäre Wasserpumpe, die mitten in einem Pariser Hitzewellen-Höhepunkt in Betrieb ist.
Der große Garderoben-Fauxpas: Winter im Juni
Die Pressemitteilung besingt die „unverwechselbare Kleidung der Surfer, die auf Reisen, Leistung und Handwerk basiert“. Doch beim Anblick der tatsächlichen Kleidungsstücke fragt man sich, ob das Designteam aus dem Fenster geschaut oder einfach nur eine Gefriertruhe geöffnet hat. Wo sind die luftigen Sommerbasics, die leichten T-Shirts oder die luftigen Shorts, die man tatsächlich in der Nähe einer Welle tragen würde? Stattdessen … runway bot eine exzentrische Auswahl an herbstlicher Rüstung.
Betrachten wir die zweireihigen, taillierten Anzüge – präsentiert in strengem Schwarz und tiefem, schattenmusterartigem burgunderrotem Brokat. Die betonten Taillen mit Kordelzug sollen zwar einen sportlicheren, technischen Touch verleihen, doch sie werden über knackigen, zugeknöpften blauen Hemden und kontrastierenden V-Ausschnitt-Strickwesten getragen, die eher in einen klimatisierten Konferenzraum als in eine Küstendüne passen. Zu diesen wuchtigen Silhouetten passen übergroße, stark strukturierte schwarz-weiße Karostrickjacken mit handgesponnener Stickerei in Primärfarben, die über tiefblauen Hemden getragen werden. Ein eindrucksvolles visuelles Statement – vorausgesetzt, Ihr Sommerabend findet im Polarkreis statt.




Mit steigender Hitze wurden die Oberbekleidungsoptionen immer absurder. Models schritten am Strand in bodenlangen, nachtblauen Cordmänteln mit riesigen, flauschigen Kapuzen, die auch in einem alpinen Resort gut gepasst hätten. Ein anderer Look präsentierte eine voluminöse, gefütterte Bomberjacke aus dickem, senfgelbem Leder, kombiniert mit schweren beigefarbenen Hosen, die sich schwer über Wildlederschuhen wölbten. Selbst die Freizeitkleidung wirkte erdrückend: ein dicker, waffelstrickiger Kapuzenmantel in einem schlammbraunen Farbton, eng am Hals zugeknöpft, über einer mehrlagigen Weste und einer wilden Hose mit Leopardenmuster. Wenn dann doch mal eine Daunenjacke auftauchte – in einem dichten Anthrazitton mit einer magentafarbenen Mütze –, war sie dick genug, um einem Schneesturm standzuhalten, komplett mit einer schweren silbernen Geldbörsenkette, die an einer eleganten Hose baumelte.
Der Sitzungssaal und der Nebenverdienst
Am Strand entfaltete sich eine interessante, firmeninterne Nebenhandlung: Mehrere Looks wurden explizit für Frauen entworfen. Angesichts der Tatsache, dass die Damen-Konfektionslinie von Louis Vuitton bereits meisterhaft von Nicolas Ghesquière geleitet wird, erscheint diese strategische Entscheidung merkwürdig. Ghesquière kleidet schließlich nicht nur Madame Macron für Staatsbankette ein, sondern stattet auch jeden großen Star auf dem internationalen roten Teppich mit innovativen Designs aus. Die Integration dieser weiblichen Silhouetten in Pharrells „Dandy“-Experiment wirkt weniger wie eine natürliche Verbindung, sondern eher wie eine strategische Bereicherung oder vielleicht ein kurzzeitiger Ablenkungsversuch von den fehlenden Sommerhemden.
Greenwashing im großen Stil
Damit niemand mit einem schlechten Gewissen wegen des CO₂-Fußabdrucks eines zwölfminütigen Indoor-Wasserfalls nach Hause geht, wirft die Pressemitteilung stolz ein Zugeständnis an den Umweltschutz auf. Louis Vuitton kündigte seine Unterstützung für Coral Gardeners an und versprach, 1,000 Korallen in Französisch-Polynesien zu pflanzen. Eine schöne, nette Zahl. Man kann nur hoffen, dass diese 1,000 Korallen die Ironie genießen, dass ihr Überleben durch eine Kollektion finanziert wird, die dicke Lederjacken und robuste Winterkleidung mitten im europäischen Sommer vorschrieb. Insgesamt bietet die Kollektion nichts wirklich Neues – nur eine luxuriöse Neuauflage bekannter saisonaler Klischees, verpackt in einem bombastischen Spektakel, das sich krampfhaft bemüht, reinzuwaschen.
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