Schiaparelli Herbst Winter 2026-2027

Schiaparelli Herbst/Winter 2026/2027 „DIE SPHINX – Daniel Roseberry und das Schweigen eines imaginären Rätsels“. Artikel von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY ZEITSCHRIFT. Foto mit freundlicher Genehmigung: Schiaparelli.

Die Sphinx ist ein Geschöpf des Paradoxons

Die Sphinx ist ein Wesen der Schwellen: eine Wächterin zwischen den Welten, ein Wesen, dessen Macht nicht im Aussehen, sondern in der Tiefe liegt. Frage Sie stellt die Frage. Eine Frage, die über Bestehen oder Untergang entscheidet. In der Mythologie ist die Sphinx eine Prüfung. Eine Konfrontation. Eine Suche nach Sinn.

Daniel Roseberry gab dieser Sammlung den Titel Die Sphynx.
Und doch fehlte dem Abend vor allem die Bedeutung.

Das runway Die angebotenen Geschöpfe – kunstvoll gefertigt, bis ins kleinste Detail gestaltet – irrten jedoch ziellos umher, ohne das Rätsel, das sie eigentlich beleben sollte. Die Sphinx braucht Spannung. Hier löst sich die Spannung in bloßer Dekoration auf.

Das ist das Paradoxon der Saison: ein Haus, das auf Surrealismus basiert und eine Kollektion präsentiert, in der das Surreale erscheint visuell, aber selten konzeptionell.

Es gibt kein Rätsel.
Keine Frage.
Keine Antwort.
Einfach nur Geschöpfe.

Für ein Haus, das auf Surrealismus basiert, hallt diese Abwesenheit lauter wider als jedes Accessoire.

Die Broschüre: Ein Schlüsselloch ohne Tür

Roseberrys umfangreiche Broschüre, die der Kollektion vorausgeht, zeugt von großem Ehrgeiz. Sie positioniert Elsa Schiaparelli nicht einfach als Couturière, sondern als eine Art Vordenkerin der Modephilosophie, eine Frau, die „das Medium selbst in Frage stellte“. Er führt Folgendes an:

  • Schubladengrifftaschen, die verborgene psychische Schubladen symbolisierten
  • Skelettstickerei, die den Körper auf links drehte
  • Das Schlüsselloch als Metapher für weibliches Geheimnis
  • Der ewige Krieg zwischen „Mode als Geschäft“ und „Mode als Traum“

Er stellt Schiaparelli als metaphysische Maschine dar – halb Atelier, halb Orakel.

Je mehr man jedoch liest, desto deutlicher wird die Kluft zwischen Rhetorik und Ergebnis.
Die Broschüre wirft Fragen auf runway versucht nicht zu antworten.

Die Sphinx steht da, majestätisch.
Aber sein Mund öffnet sich nie.

Das Aussehen: Wenn die Kreatur ohne ihren Mythos erscheint

– Die „Unmögliche Strickware“ und Illusionsspiele

Die Kollektion eröffnet mit Roseberrys vielversprechender „unmöglicher Strickmode“: skulpturale Zopfmuster, durchbrochen von Illusionstüll, schwebend wie von der Schwerkraft losgelöst. Wunderschöne Handwerkskunst. Perfekte Kontrolle.

Doch Schönheit allein ist noch kein Surrealismus.

Schiaparellis Surrealismus brachte historisch gesehen Reibung mit sich – emotionale, psychologische, ja sogar moralische. Hier schwebt das Strickstück, sagt aber nichts aus. Die Illusion bleibt rein optisch, nicht konzeptuell.

– Kleider aus fließendem Plissee und Spiralen

Die fließenden Plisseekleider – die asymmetrischen, goldenen Etuikleider, die spiralförmig plissierten Kleider – zählen zu den raffiniertesten Atelierarbeiten aus Roseberrys Zeit. Sie spiegeln Bewegung, Licht und kontrollierte Verzerrung wider.

Doch wieder einmal fehlt der Mythos.
Diese Stücke sind elegante Lösungen, keine Rätsel.

– Anatomie ohne Spannung

Eine der stärksten visuellen Ideen stammt von den geformten Kleidern: Kleider, unter denen sich die Konturen eines muskulösen Körpers abzeichnen – schimmernd, fast metallisch, beinahe anatomisch. Diese Stücke andeuten an die existenzielle Innerlichkeit, die Schiap so verehrte.

Doch während Elsa die Anatomie in Konfrontation verwandelte, macht Roseberry sie zur Oberfläche.

– Die Pelze, die Felle, die Geschöpfe

Die pelzinspirierten Stücke – bedruckte Felle, aufgeblähte Schultern, übertriebene Kragen – bewegen sich nahe an der von Roseberry angedeuteten animalischen Mystik. Eine sphinxartige Mischgestalt, halb Frau, halb Tier, hätte entstehen können.

Es handelt sich stattdessen einfach um „von Tieren inspirierte Looks“.

Es gibt keine Metamorphose.
Kein Werden.
Nur eine Referenz.

– Der Shearling, die Reiherfüße, die Harz-Haustiere

Hier liegt das deutlichste Problem der Sammlung: Verspieltheit ersetzt den Surrealismus.

Elsas Surrealismus zielte nie darauf ab, niedlich zu sein.
Es war verstörend, intim, psychologisch aufgeladen.

Im Gegensatz:

  • Haustierförmige Clutches aus Harz
  • Bronzene Reiherfüße auf Handtaschen
  • Zweige aus Kunstaffenfellschmuck

Diese Details sind raffiniert.
Sie sind nicht transformativ.

Die fehlende Frage

Roseberry beharrt darauf, dass Elsas Schlüsselloch ein Rätsel symbolisiert – eine Frau, die weder anderen noch sich selbst zugänglich ist. Es ist ein eindringlicher Gedanke, den er in der gesamten Broschüre immer wieder aufgreift.

Aber auf der runwayDas Schlüsselloch wird zur Gedenktafel.
Ein Motiv.
A branding Übung.

Das Rätsel um die Frau wird nur erwähnt, nicht verkörpert.

Die Sphinx ist ein Wesen, das deine Identität in Frage stellt.
Diese Kollektion zeigt Ihnen lediglich Kleidung.

Handwerk als Leistung, nicht als Offenbarung

Fairerweise muss man sagen, dass das Atelier von Schiaparelli nach wie vor zu den renommiertesten in Paris zählt. Die technischen Leistungen dieser Saison sind nicht zu unterschätzen:

  • Laminiertes Plissee, das sich wie flüssiges Metall bewegt
  • Trompe-l'œil-Seidenwolle, die Leder imitiert
  • Präzises Drapieren und Handplissieren
  • Skulpturale Schneiderkunst mit der Schwerelosigkeit von Jersey
  • Perlenbesetzte Maßbandmotive
  • Handgehämmerte, vergoldete Schlüssellochplaketten

Die Kollektion ist eine Ode an das Handwerk – aber Handwerk ist nicht das Rätsel.

Schiaparelli ist nicht nur ein Haus der Technik; es ist ein Haus des Bruchs.

Und diese Saison hält ewig.
Es destabilisiert sich nie.
Es droht nie, die Frage zu stellen, die die Sphinx verlangt.

Ein Geschöpf ohne seinen Mythos

Die Herbst/Winter-Kollektion 2026–2027 von Schiaparelli ist kein handwerkliches Versagen.
Es ist ein Versagen von Mythenbildung.

Bei all dem Gerede von Paradoxien, Spannungen, Rätseln, psychologischer Tiefe und surrealem Erbe wagen sich die Kleider nur selten an das konzeptionelle Risiko heran, das Elsa so selbstverständlich eingegangen ist.

Roseberry präsentiert uns Geschöpfe – wunderschön gestaltete Geschöpfe – aber ohne ihre Ursprungsgeschichte, ohne ihr Rätsel, ohne die Gefahr, etwas Tiefgründiges zu enthüllen.

Die Sphinx steht vor uns.
Prächtig, gelassen, perfekt ausgeleuchtet.
Aber sie schwiegen.

Und das Schweigen sagt alles.

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