Valentino Cruise 2027 Resort „Die Geiselnahme im Hause Valentino“. Bericht von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY MAGAZIN. Foto mit freundlicher Genehmigung von Valentino / Liv Liberg.
Der Mythos der Gartenchirurgie
Wenn ein neuer Kreativdirektor in die heiligen Hallen eines traditionsreichen Modehauses berufen wird, greifen die dazugehörigen Pressemitteilungen unweigerlich auf die höfliche Fiktion der „gärtnerischen Chirurgie“ zurück. Uns wird in gedämpften und ehrfürchtigen Tönen versichert, dass ein behutsamer Veredelungsprozess im Gange sei. Eine kühne, frische Vision werde angeblich nahtlos mit dem tief verwurzelten, jahrzehntealten Stamm des Gründers veredelt. Die Hoffnung – oder vielleicht das kaum verhüllte Gebet der Konzernmanager, die das Vorhaben unterstützen – ist, dass aus dieser unnatürlichen Verbindung etwas Seltenes und beispiellos Schönes erblühen wird. Betrachtet man jedoch die Valentino Cruise 2027 Resort Kollektion, wird man mit einer eher düsteren, unausweichlichen Realität konfrontiert: Ab wann wird die Veredelung das Wirtsgut vollständig vereinnahmt und ausgelöscht?
Valentino Garavani schuf ein unbestrittenes Weltimperium auf der Grundlage eines unvergleichlichen Verständnisses von Anmut, akribischer Proportion und der subtilen, erlesenen Eleganz der High Society. Sein Vermächtnis besteht im Wesentlichen darin, Anmut zu verleihen, Frauen und Männer in Gewänder zu hüllen, die ihre Existenz in den Bereich der Kunst erhoben. Er handelte mit Träumen von erstrebenswerter Raffinesse. Heute, unter der absoluten Kontrolle von Alessandro Michele, heißt es, der Schwan habe sich in einen trotzigen, logo-besessenen „Teenager-Bösewicht“ verwandelt. Michele ist nicht gekommen, um das Valentino-Imperium zu pflegen; er hat seinen gesamten, voll entwickelten Zirkus mitgebracht und ein chaotisches Lager auf dem sorgfältig gepflegten Rasen von Garavanis Erbe errichtet. Schrulligkeit ist nicht länger ein abnehmbares Accessoire in der Garderobe; sie ist die unausweichliche, überwältigende Grundlage einer feindlichen Übernahme.
Der „Bösewicht-Teenager“-Komplex und die modische Regression
Micheles aktuelles Experiment versucht, den erhabenen, elitären Geist der Haute Couture mit den banalen, quälend alltäglichen Anforderungen der Kleidung zu vereinen. Es ist ein Unterfangen, das dem Versuch gleicht, den Teufel mit Weihwasser zu mischen. Wenig überraschend ist das Weihwasser vollständig verdunstet, und wir starren direkt auf die Hörner. Das Ergebnis ist ein zutiefst verstörender ästhetischer Rückschritt.
Statt den Alltag zu veredeln, zieht die Kollektion das Erbe des Hauses in eine fiebrige, leicht irritierende Teenager-Ausschweifung. Man stelle sich Garavanis Geist vor, der durch die prunkvollen Hallen einer lombardischen Villa wandert und das Gesicht eines Models sieht, das vollständig von einer grellroten Baseballkappe verdeckt wird, auf der aggressiv „BÖSEWICHT“ prangt. Dieses irritierende Accessoire wird achtlos über den banalen Komfort eines frisch gestreiften Hemdes und einer ernsthaften, schuljungengrünen Strickjacke geworfen. Es strahlt nicht die Aura eines furchteinflößenden Antagonisten aus, sondern die trotzige Haltung eines Teenagers, der sich am Buffet des Country Clubs vor seinen Eltern versteckt.
Dieser psychologische Rückfall erreicht in einem weiteren Look, der jeglicher Logik von Proportion und Geschmack trotzt, einen erschreckenden Höhepunkt. Dieselbe Kappe, nun in einem grellen Kellygrün, prangt unerklärlicherweise über kaskadenartigen, erdrückenden Reihen kolossaler Imitationsperlen und einem gigantischen gelben Sternanhänger. Dieser schwere Modeschmuck wirkt deplatziert zu einem formellen, taillierten roten Blazer mit markantem schwarzen Besatz. Es ist ein gewaltsamer, bewusster Zusammenprall von gehobenem Lebensstil und impulsivem Konsumverhalten. Das ist keine gärtnerische Operation; es ist die modische Manifestation ungelöster kindlicher Exzentrizitäten, zur Schau gestellt durch einen runway als wäre es ein tiefgründiger Kommentar.





Die Subtilität eines Ziegels: „Du kannst in meine Villa kommen“
Da Luxusmarken zunehmend einheitliche, kohärente Visionen zugunsten von „Vielfalt statt Vorgaben“ aufgeben – ein verzweifelter Versuch, gleichzeitig jede erdenkliche Zielgruppe anzusprechen –, ist die resultierende Ästhetik oft ein chaotisches Durcheinander. In dieser Kollektion wurde die subtile Eleganz, auf der Valentino einst aufgebaut war, durch die Unauffälligkeit eines Ziegelsteins ersetzt, die sich am deutlichsten in einem erschöpften, unerbittlichen Logo-Spiel äußert.
Man denke nur an die schiere, unverhohlene Direktheit eines hellgrauen Sweatshirts mit dem Aufdruck „You can come to my villa“, auf dem das ikonische Valentino-„V“ perfekt zentriert prangt. Kombiniert mit einer schlichten, dunkelblauen Jogginghose mit Seitenstreifen und braunen Loafern, katapultiert es den Träger in die Welt der neureichen Ironie. Es ist der ultimative, geschmacklose Prahler eines frischgebackenen Krypto-Bros, völlig frei von der subtilen Eleganz, die das römische Modehaus einst auszeichnete.
Dieses identische, aufdringliche Motiv taucht immer wieder auf und will den Witz einfach nicht aus der Welt schaffen. Wir sehen es auf einer lila Baseballkappe prangen, die in krassem Gegensatz zu einem verwaschenen korallenfarbenen Sweatshirt, einer türkisfarbenen Gürtelschnalle im Western-Stil und formlosen Khakishorts steht. War Garavanis Farbbeherrschung eine mitreißende Symphonie, so gleicht Micheles Ansatz hier eher einem Massenunfall in einem dunklen Abstellraum. Die modische Anarchie geht ungebremst weiter, als lila Jogginghosen unter einem schweren, imposanten Leopardenmantel hervorblitzen. Es ist ein Akt bewusster Dissonanz, der das Label wie eine endlos scrollende Streaming-Plattform behandelt, die zusammenhanglose, skurrile Inhalte nur für kurzfristige Schockeffekte produziert.
Die Entweihung des Handwerks
Die wohl größte Beleidigung dieser Cruise 2027 Resort-Kollektion ist nicht die Sportbekleidung an sich, sondern der Umgang mit dem beständigen und herausragenden Können des Ateliers. Es gibt flüchtige Momente, in denen wahre Handwerkskunst verzweifelt versucht, sich durch den ohrenbetäubenden Lärm hindurchzuschleichen, nur um dann vom Styling gnadenlos erstickt zu werden.
Unter den Stücken befindet sich ein unbestreitbares Meisterwerk: eine exquisit schwere, aufwendig mit Pailletten und Stickereien verzierte grüne Abendjacke. Dieses Kleidungsstück erforderte offensichtlich immenses technisches Können, hunderte Arbeitsstunden und ein tiefes Verständnis für Textilkunst. Doch wie wird es präsentiert? Es wird von einem lässig über die Knöchel gezogenen, gestreiften Hemd erdrückt, was die ihm innewohnende Majestät völlig zunichtemacht. Den letzten Sargnagel setzt das krönende Accessoire: eine Baseballkappe mit Leopardenmuster, die einmal mehr schreit: „Du kannst mich in meiner Villa besuchen.“ Es ist die bewusste Entweihung meisterhafter Haute Couture im Namen einer zutiefst persönlichen, perversen Ironie.
Selbst ohne Stickereien lässt das Styling keinem Kleidungsstück Würde zu. Man betrachte nur die grell disharmonische Kombination aus steifer, violetter Jacke, orangefarbener Zopfstrickweste, türkisfarbenen Shorts und gelber Sonnenbrille. Es wirkt weniger wie eine stimmige Resortgarderobe, sondern eher wie ein gezielter Angriff auf die Sinne. Entfernt man diese bewusst perversen Kombinationen, entfernt man die Lagen von Kreppblusen, die unter Kapuzenpullovern ersticken, so wirken die Kleidungsstücke selbst überraschend zurückhaltend. Die Merkwürdigkeit liegt allein im Styling – einem Styling, das die Institution, die es angeblich repräsentiert, aggressiv verhöhnt.
Eine notwendige Umbenennung
Wenn ein Designer in ein altehrwürdiges, traditionsreiches Haus kommt, dessen Eigenheiten sich der historischen DNA der Marke entziehen, müssen wir den Sinn dieser Zusammenarbeit hinterfragen. Micheles Experiment beweist eindeutig, dass man solche tief verwurzelten Exzentrizitäten nicht einfach unterdrücken und erwarten kann, dass daraus ein Minimalist oder gar ein Klassizist entsteht.
Doch es gibt eine Grenze zwischen Evolution und Auslöschung. Was bleibt auf der runway Heute wird die bittere Wahrheit deutlich: Das ist nicht mehr der Valentino. Valentino Garavani widmete sein Leben einer erhabenen Vision von Schönheit und weigerte sich, Kompromisse bei der Eleganz einzugehen. Sein Vermächtnis nun wie ein verstörtes, logoverrücktes Kind in den Hallen einer lombardischen Villa umherirren zu lassen, ist ein schwerer Verrat an dieser Geschichte.
Wenn die langfristige Strategie darin besteht, das elitäre Erbe des Hauses zugunsten von College-Streifen, Trainingsanzügen mit Pailletten und „Villain Teen“-Kopfbedeckungen aufzugeben, dann sollten wir wenigstens ehrlich sein. Schluss mit der Heuchelei. Schluss mit dem Erbe. Benennen wir das Modehaus in „Alessandro Michele“ um und lassen wir die unvergleichliche Eleganz von Valentino Garavani in Frieden ruhen.
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