Valentino Herbst Winter 2026-2027

Valentino Herbst/Winter 2026/2027 „Interferenze“ von Alessandro Michele. Text von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY ZEITSCHRIFT. Foto mit freundlicher Genehmigung: Valentino.

Das Haus, das Alessandro baute (Innerhalb fremder Mauern)

"Ein Feld von Interferenzen, in dem divergierende Kräfte koexistieren.„Eine poetische Zeile, gewiss. Und zugleich ein praktischer Schutzschild. Wenn ein Designer weiß, dass er die Identität eines Hauses zerstören wird, bewaffnet er sich meist mit Metaphern.“

Im Palazzo Barberini – einem Gebäude, das Päpste, Kriege und Jahrhunderte künstlerischen Egos überdauert hat – inszenierte Alessandro Michele InterferenzEine Kollektion, die angeblich von Kollisionen handelt. Architektur versus Illusion. Ordnung versus Drift. Identität versus Mutation. Der Palast erfüllte seine Aufgabe mit Bravour. Er strahlte römische Autorität aus, flüsterte seine Geschichte und verlieh dem Ganzen eine Würde, die selbst einen mittelmäßigen Saum wie ein Meisterwerk erscheinen lässt.

Die Kleidung hingegen war unverkennbar Michele. Und genau da fangen die Probleme an.

An diesem Punkt ist die Debatte um Micheles Talent so überflüssig wie die Frage, ob Rom Ruinen hat. Natürlich hat er welche. Natürlich gibt es sie. Die eigentliche Frage – die die Modewelt höflich umgeht – ist, ob das, was er bei Valentino macht, überhaupt noch etwas mit Valentino zu tun hat. Saison für Saison wird die Antwort weniger eindeutig und immer unbehaglicher. Was in Rom entstand, war keine Neuinterpretation von Valentinos Designsprache. Es war ein Austausch. Eine vollständige Übernahme. Die Codes des Hauses wurden nicht erweitert, hinterfragt oder neu interpretiert. Sie wurden schlichtweg überschrieben.

Valentino wurde zum Wirtskörper. Michele wurde zum Parasiten.

Denn seien wir ehrlich: Bei Valentino ging es in seinen stärksten Momenten nie um dekorativen Schnickschnack. Es ging um PräzisionEs war die Spannung einer perfekt gehaltenen Linie. Es war Sinnlichkeit, die zu aristokratischer Klarheit geschärft wurde. Es war Romantik gepaart mit Disziplin, Dramatik gepaart mit Zurückhaltung. Selbst in seiner opulentesten Form verlor Valentino nie seine Silhouette. Die Frau wurde nie in Ornamenten ertränkt. Nostalgie wurde nie mit Identität verwechselt.

Michele hingegen liebt das Sammeln. Er liebt Kleidung, die aussieht gefundennicht entworfenEr bevorzugt Silhouetten, die sich in Moodboards auflösen. Er stapelt, schichtet, zitiert, sentimentalisiert und fügt dann noch eine Kette hinzu, nur so zum Schluss. Es kann charmant sein. Es kann sogar genial sein. Aber es ist sein Universum – und nur seins. Es gehört nicht Valentino.

Diese Kollektion machte diese Trennung auf schmerzhafte Weise deutlich.

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Ein schwarzes Samtminikleid, gepanzert mit einer metallisch glänzenden, blumengemusterten Passe, zusammengehalten von einer hellen Schärpe und erdrückt von einem Schmuckfund, der einem Museum gleichkäme. Es hatte Präsenz, ja. Aber Valentino? Nicht im Entferntesten. Es gehörte eher zu Micheles privatem Archiv antiker Halluzinationen, wo Geschichte nicht studiert, sondern mit Accessoires verziert wird.

Eine mit Pailletten besetzte, blumengemusterte Jacke, locker um die Taille gebunden, über einem dunkleren Unterteil, unterstrich dies noch. Die Proportionen wirkten instabil, der Körper wurde eher als Aufhänger für Widersprüche denn als Ort der Eleganz behandelt. Man sah kein Haus, das sich neu erfand. Man sah einen Designer, der unter einem fremden Namen seine eigenen Gewohnheiten wiederholte.

Ein plissiertes, bedrucktes Kleid, vage an die 1930er-Jahre erinnernd, locker mit Schwarz gebunden, schwebte vorbei wie ein Geist aus Micheles früherem Leben. Hübsch, nostalgisch, emotional inszeniert – aber dennoch unverkennbar sein Stil. Stimmung, die sich als Identität tarnt.

Und dann kam der Moment, in dem die Kollektion aufhörte, sich zu verstellen. Eine grüne Cape-Bluse mit juwelenbesetzten Manschetten über einem langen roten Rock, gekrönt von einem riesigen Kristallkragen und einem übergroßen Visier, gab jeglichen Anschein von Valentinos klassischer Autorität auf. Sie marschierte direkt in Micheles bevorzugtes Terrain: Kostüm als Persönlichkeit, Glamour als Exzentrik, Weiblichkeit als kuratierte Kuriosität.

Kunstpelzstolen und -kragen tauchten in fast schon religiöser Häufigkeit auf. Drapiert über lilafarbene Jacken, umhüllten senffarbene Seide, umrahmten karierte Oberbekleidung, bauschten sich um kamelfarbene Blousons auf – sie wurden zu Micheles Sinnbild für verfallenen Adel, für bewusst fremdartigen Luxus. Konsequent, ja. Doch Konsequentität ist nicht gleichbedeutend mit Zugehörigkeit.

Die Farbpalette reichte von zarten Pastelltönen über gedeckte Neutraltöne, moosige Grüntöne und staubige Mauve-Nuancen bis hin zu lackiertem Schwarz und gelegentlichen theatralischen Akzenten. Rosa durchbrach Samt. Fliederfarbene Strümpfe unterbrachen Abendgarderobe. Ein winziger, geraffter Rock blitzte unter einer gestreiften Jacke mit Pelzmanschetten und monumentalem Schmuck hervor, als wolle Michele beweisen, dass Stimmigkeit ein bürgerliches Konzept ist.

Eine transparente, elektrisch-blaue Spitzenhose unter einem karamellfarbenen, mit braunem Pelz besetzten Oberbekleidungsstück machte den Körper zu einer These des Widerspruchs. Eine karierte Jacke mit sichtbarer Spitze und eine schwere Pelzmütze betonten die Reibung. Doch Reibung allein ist noch keine Intelligenz. Konflikte kann jeder erzeugen. Die wahre Herausforderung besteht darin, Notwendigkeit zu schaffen.

Die Notwendigkeit trat nie ein.

Die Pressemitteilung sprach von nebeneinander existierenden Gegensätzen – apollinisch versus dionysisch, Ordnung versus Bruch. Der Palazzo Barberini bot zweifellos diese Architektur. Doch Architektur ist kein Rettungsanker für eine Sammlung, die in ihrem eigenen Stil ertrinkt. Theorie kann nicht retten, was das Auge bereits erkennt.

Hier setzte sich Valentino nicht mit seinem Erbe auseinander. Hier übertrug Michele seine Mythologie in einen römischen Palast und erwartete, dass dieser Beifall erntete.

Er entwirft Valentino nicht. Er besetzt das Unternehmen.

Und vielleicht gefällt das jenen, die die Auslöschung von Marken als kreative Freiheit tarnen. Schließlich besteht heutzutage ein Bedürfnis danach, dass Modehäuser zu leeren Bühnen für Stardesigner werden. Doch ein Modehaus ist keine unbeschriebene Leinwand. Es hat eine Grammatik, eine Geschichte, eine Silhouette und eine moralische Linie. Das zu ignorieren ist nicht radikal, sondern schlichtweg Faulheit im Gewand intellektueller Worte.

Was zur unhöflichsten – und damit ehrlichsten – Frage der Saison führt: Warum benennt man die Marke nicht um?

Wenn Valentino heute nur noch eine Plattform für Michele ist, um weiterhin Michele zu sein – mit seinen Geistern der 1930er-Jahre, seinem überbordenden Schmuck, seiner Kunstpelz-Doktrin, seiner gestickten Nostalgie, seinen exzentrischen Visieren, seinem Fetisch für inszenierte Verfremdung –, dann ist die Verkleidung überflüssig. Man kann nicht endlos die Autobiografie eines Mannes unter dem Namen eines anderen präsentieren und das Evolution nennen.

Es gab natürlich wunderschöne Oberflächen. Michele versteht es, die Kamera zu verführen. Er weiß, wie man ein Bild kreiert, das im Internet sofort Kultstatus erreicht. Er versteht Glamour als Spektakel, Weiblichkeit als Inszenierung, Mode als Relikt. Doch Valentino basierte nie allein auf dem Image. Es basierte auf etwas viel Schwierigerem: Autorität ohne Lärm.

In Rom war diese Autorität nirgends zu finden.

Was blieb, war eine wortgewandte Übung in Selbstzitaten, inszeniert in einem Palast, eingehüllt in Theorie und dargeboten unter einem der größten Namen der Haute Couture. Interferenz Versprochene Kollision. In Wirklichkeit erschien nur eine Welt auf dem runway — Micheles. Valentino mischte sich nicht ein. Valentino verschwand darin.

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