DOLCE & GABBANA HERBST/WINTER 2026–2027 „IDENTITÄT“. Text von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY ZEITSCHRIFT. Foto/Video mit freundlicher Genehmigung: Dolce & Gabbana.
Die Damenkollektion Herbst/Winter 2026–2027 von Dolce & Gabbana entfaltet sich als Statement: In einer Zeit, die Nachahmung belohnt, ist der höchste Akt des Widerstands, unverkennbar man selbst zu bleiben.
In dieser Saison verwandeln die Designer Identität in Architektur. Weiblichkeit und Männlichkeit stehen nicht im Gegensatz zueinander; sie kommunizieren miteinander, verhandeln, überlagern sich. Der Körper wird weder verhüllt noch aggressiv zur Schau gestellt, sondern durch eine präzise, subtile Sinnlichkeit bekräftigt, die nur Dolce & Gabbana eigen ist.



Ein bedeutendes kulturelles Detail prägt den Abend: Madonna sitzt unter den Gästen und erinnert an eine Zeit, in der Selbstinszenierung ein radikaler öffentlicher Akt war. Ihre Anwesenheit verdeutlicht die Tradition der Kollektion – ein roter Faden, der sich von der Nachkriegsrekonstruktion der Weiblichkeit bis zum heutigen Streben nach Individualität erstreckt.
Die Show beginnt mit präziser, skulpturaler Schneiderkunst: ein langer, zweireihiger Mantel mit weitem, offenem Ausschnitt, der Stärke statt Verzierung betont. Die Schultern verleihen Struktur, die Taille hingegen umspielt sich mit unverkennbarer Weichheit. Es ist das erste Anzeichen für die zentrale Spannung der Kollektion – Disziplin, die sich mit Sehnsucht verbindet.
Dann folgt eine makellos taillierte Jacke, kombiniert mit einem voluminösen, strukturierten Rock. Die Proportionen wirken beinahe sakrale Züge und erinnern an die Silhouetten der Nachkriegszeit, als Stoffe kostbar und Formen bewusst gewählt waren. Dolce & Gabbana greifen diese Geschichte auf, nicht aus Nostalgie, sondern als Ausdruck von Selbstermächtigung: die Silhouette einer Frau, die sich neu erfindet, Entscheidungen trifft und sich erhebt.
Als Nächstes erscheinen florale Miniaturmotive – schwarze Kleider, übersät mit winzigen Blüten. Sie erinnern an die Heimtextilien der späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre, einer Zeit, in der Frauen ganze Haushalte auf ihren Schultern trugen und gleichzeitig ihre öffentliche Identität zurückeroberten. Hier werden diese Blumen zu einer stillen Rebellion: Sanftheit, die sich in Entschlossenheit verwandelt.
Maskuline Schneiderkunst hält Einzug in die Modewelt mit einem taillierten schwarzen Blazer, der als Kleid getragen und mit gerippten Overknee-Strümpfen kombiniert wird. Die Botschaft ist klar: Struktur mindert nicht die Weiblichkeit, sondern definiert sie auf ihre ganz eigene Art. Der Gang ist kraftvoll, die Ausstrahlung unverkennbar modern.
Fransen werden zu einem der prägenden Merkmale der Saison. Drapierte Schals, Röcke und Capes bewegen sich in einem dramatischen Rhythmus und erinnern sowohl an Trauerschleier als auch an festliche Kostüme – eine Dualität, die die emotionale Struktur der Show widerspiegelt. Fransen sind hier kein bloßes Ornament, sondern eine Sprache. Sie drücken Bewegung, Wandel und Entwicklung aus.
Es folgen transparente, mit schwarzer Spitze bestickte Kleider, die sowohl religiöse Ikonografie als auch nächtliche Verführung widerspiegeln. Diese Looks tragen historische Erinnerung in sich, ohne jemals theatralisch zu wirken. Sie enthüllen den Körper und bewahren gleichzeitig sein Geheimnis.
Ein skulpturales schwarzes Kleid mit hohem Kragen setzt Akzente. Lange Ärmel, präzise Abnäher und versteckte Schlitze erzeugen eine fast klösterliche Silhouette, die lediglich von einer tiefroten Lackhandtasche unterbrochen wird. Diese Spannung zwischen Zurückhaltung und Verführung ist typisch für Dolce & Gabbana.
Maskuline Codes treten verstärkt hervor: Nadelstreifenanzüge mit überbreiter Schulterpartie, strahlend weiße Hemden und schmale Krawatten. Doch an diesen Frauen wirken die Anzüge nie maskulin, sie verinnerlichen die Maskulinität. Die Schneiderkunst wird zum Ausdruck von Autorität, nicht zur Nachahmung.
Selbst die lässigsten Stücke haben eine tiefere Bedeutung. Eine zerrissene, weite Jeans, kombiniert mit einem schwarzen Satin-Bralette, schafft einen Dialog zwischen Arbeit und Luxus, zwischen dem Alltäglichen und dem Inszenierten. Sie erinnert uns daran, dass Identität kein Kostüm ist, sondern die Summe der Widersprüche, die eine Frau ausmachen.
Samt-Smokings, Reitstiefel, schräg aufgesetzte Baskenmützen – jeder Look erweitert das Repertoire an Power-Dressing. Die Erzählung verdeutlicht: Frauen wählen nicht zwischen verschiedenen Rollen. Sie verkörpern sie alle gleichzeitig.
Das Finale kehrt zur Sanftheit zurück, jedoch niemals zur Zerbrechlichkeit. Lange schwarze Kleider mit aufwendiger Spitze, zarten Blumenmustern und skulpturalen Silhouetten strahlen die stille Autorität von Frauen aus, die ihre eigene Stärke kennen. Die Anspielungen auf die Nachkriegszeit hallen erneut nach: Wiederaufbau, Neudefinition, Rückeroberung.
Die Herbst/Winter-Kollektion 2026–2027 von Dolce & Gabbana ist eine Hommage an die Frau, die sich der Verwässerung verweigert.
Verschiedene Frauen, verschiedene Looks, eine unzerbrechliche Identität.
Die Serie endet so, wie sie begonnen hat – kraftvoll, überlegt und zutiefst menschlich.
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