Elie Saab Ready-to-Wear Herbst/Winter 2026/2027 „Midnight in Manhattan“. Text von Eleonora de Gray, Chefredakteurin von RUNWAY ZEITSCHRIFT. Foto mit freundlicher Genehmigung: Elie Saab.
Power in der Innenstadt. Verführung im Norden. New York der 90er neu interpretiert.
Mit Mitternacht in ManhattanElie Saab wendet sich von der gewohnten Opulenz des Nahen Ostens ab und richtet seinen Blick auf die pulsierende Dualität des New York der 1990er-Jahre. Nicht die beschönigte Hollywood-Version, sondern das Original: Lofts in SoHo, durchdrungen von Konzeptkunst, Galerien in Chelsea, die vor Ehrgeiz nur so strotzen, und Salons in der Upper East Side, in denen florale Muster messerscharfe Eleganz verbergen. Die Kollektion lebt von einer bewusst erzeugten Spannung: intellektuelle Coolness trifft auf dramatische Verführung.
Saabs Frau bewegt sich zielstrebig durch diese Landschaft. Tagsüber ist sie Strategin, nachts wird sie zur Muse, die kein Künstler einfangen kann.



Die Tagespersönlichkeit – maßgeschneiderte Power für den Großstadtgeist
Die Kollektion erhält durch ihre Präzision eine solide Basis für den Alltag. Saab erforscht architektonische Schneiderkunst mit überraschender Disziplin:
- Jacken geformt mit abgerundete, skulpturale Schultern,
- Eingeschnürte Taillen in saubere Vertikalen integriert,
- Überzeichnete Hüften Sie bildet eine tulpenartige Kontur, die in der Geometrie der Haute Couture der 90er Jahre verwurzelt ist.
Die Röcke wechseln sich ab strukturierte Tulpenformen und markante RöhrensilhouettenBei Hosen hingegen lassen sich zwei entscheidende Kategorien einteilen: superlange, gerade Hosen für den Stadtverkehr oder schmal geschnittene Hosen für Galeriebesuche und Redaktionssitzungen.
Die Materialpalette ist reduziert: Wolle, Tweed und Samt in Mitternachtsschwarz, Anthrazit und Tintenblau. Diese Stücke vermitteln Ambition ohne Aufdringlichkeit – eine willkommene Neuausrichtung der Konfektionsmode von Saab.
Die Unterschrift Krokodillederdruck Hier erscheint es zuerst und verleiht dem Look tagsüber eine kalkulierte Härte, die an den lackierten Minimalismus der 90er Jahre erinnert.
Der nächtliche Wandel – Die Muse des Künstlers erwacht
Nachts ändert sich die Erzählung völlig. Saab gibt die Struktur auf und setzt stattdessen auf Drapierung, Improvisation und eine Art Sinnlichkeit, die sich anfühlt, als sei sie in den Kulissen eines Theaters von Hand geschaffen worden.
Organza und Chiffon umhüllen den Körper in fließende, improvisierte Falten, als wären sie Minuten vor der Öffnung der Türen direkt an einer Schaufensterpuppe geformt worden. Diese Technik erinnert an die Spontaneität der New Yorker Performancekunst – flüchtig, instinktiv und voller Präsenz.
Das florale Motiv wird zum emotionalen Anker der Kollektion.
Dargestellt als handbemalte Blüten auf spiegelndem LederDie Blumen spiegeln die gestische Abstraktion von Cy Twombly wider. Sie sind nicht dekorativ, sondern Ausdrucksmittel. Dadurch wirken die Kleider lebendig – wie Leinwände in Bewegung, nicht bloß Kleidungsstücke.
Paillettenbesetzter Tüll, der die Krokodilmotiv Die Steigerung ist gelungen: Die Strenge des Tages verwandelt sich in nächtlichen Glamour, gebrochen durch das Licht. Spitzenapplikationen, Verzierungen und halbtransparente Einsätze verstärken die Atmosphäre, ohne auf bekannte Saab-Klischees zurückzugreifen.
Das urbane Theaterstück – von der Galerie zur After-Party
Saab entwirft diese Kollektion für eine Frau, die nie zwischen verschiedenen Umgebungen wechselt.
Taftkleider mit kurze, bauschige Puffröcke und Korsettmieder Sie verkörpern das New Yorker Nachtleben der 90er Jahre in Reinform – die Ära des Glamours, fotografiert auf Lagerhauspartys und in privaten Lofts mit Blick auf den Hudson River.
Diese Werke bewegen sich mühelos zwischen Vernissagen und After-Hour-Szenen. Sie zeugen von der Ausdauer einer Frau, die sowohl die ungeschriebenen Regeln der Vernissagen in der Kunstwelt als auch die ungeschriebenen Gesetze der nur von Neonlicht und Zigarettenrauch erhellten Innenstadträume versteht.
Das Finale – Sturmlichtdrama
Die Kollektion gipfelt in jenen filmreifen Silhouetten, die Saab instinktiv beherrscht: voluminöse Ballkleider in stürmischen FarbtönenDie Kleider sind mit floralen Abstraktionen überlagert, die in dämmerungsähnliche Schatten übergehen. Anders als seine Haute Couture verzichten diese Roben auf Exzesse. Ihre Kraft liegt in der Zurückhaltung – einer dunkleren, reiferen Eleganz.
Sie bilden das emotionale Echo der gesamten Erzählung. Mitternacht in Manhattan ist keine Zeit der Ruhe, sondern eine Zeit der Offenbarung.
Die Elie-Saab-Frau – definiert durch Dualitäten
In dieser Saison erschafft Saab eine Frau, die sich nicht zwischen intellektueller Klarheit und sinnlicher Ausstrahlung entscheiden muss. Sie vereint beides.
- Am Tag Sie bewegt sich in skulpturalen Anzügen durch die Stadt: diszipliniert, selbstbestimmt, strategisch elegant.
- In der Nacht Sie wird selbst Teil des Kunstwerks: fließend, ausdrucksstark und dramatisiert durch Licht und Bewegung.
Die Dualität ist kein Widerspruch – sie ist Vielseitigkeit.
Und in dieser Kollektion fängt Saab endlich ein New York ein, das authentisch wirkt und nicht nur nachvollziehbar. Eine Frau, die die Codes der Stadt versteht, weil sie sie selbst schreibt.
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